20 September 2021 1 Kommentar

Sali zämu

Der Rebbau erlebte in den vergangenen Jahrzehnten einen stetigen Strukturwandel.

Ich nehme euch mit auf eine Zeitreise in die goldenen Jahre: Im Salgesch der 60er und 70er – zu Zeiten meiner Grosseltern – fuhren viele mit ihren Bascos durch die Strassen und beinahe jede Familie besass einige Quadratmeter Reben. Die Trauben verkauften sie an die Kellereien im Dorf. Anfangs taten sie dies im Nebenerwerb, doch als die Nachfrage nach Walliser Wein das Angebot übertraf, brach im Grossteil des Kantons eine regelrechte Goldgräberstimmung aus.

Die Branche boomte, Kellereien schossen aus dem Boden, die Rebfläche wuchs jährlich an. Der Grossteil unserer eigenen Reben stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Damals gab es keine Mengenbeschränkungen und die Kilopreise für die Trauben waren teilweise sogar höher als heute.

Grosspapa Emil

Was das bedeutet

1970: Pro Quadratmeter Pinot Noir (also an einer Rebe grob gesagt) wurden nicht selten 2 kg Trauben à ca. 4.20 CHF/kg produziert = CHF 8.40/m2.

2020: Die quantitative Ertragsgrenze für Pinot Noir lag letztes Jahr bei 1 kg/m2 und der vom Branchenverband der Walliser Weine (BWW) vorgeschlagene Richtpreis betrug CHF 3.30/kg = CHF 3.30/m2.

Das sind knapp 60% weniger als vor 50 Jahren. Dadurch wurde es teilweise unmöglich kostendeckend zu arbeiten und bei Ernteausfällen legt man heute sogar drauf. Hierbei lassen wir die Teuerung, die steigenden Kosten für die Bewirtschaftung und die zusätzliche Bürokratie der letzten Jahrzehnte sogar bewusst aussen vor. Deshalb musste man skalieren; es brauchte noch mehr Reben um weiterhin davon leben zu können. Der Preis- und Mengenrückgang hat viele Gründe, aber das ist ein anderes Thema.

Mit der sinkenden Attraktivität und den gleichzeitig steigenden Kosten, verabschiedeten sich viele Rebeigentümer aus dem Markt.

Während früher in den Reben ausschliesslich einheimische Familien arbeiteten, verkauften diese nun panikartig ihren Boden, was die Bodenpreise für Reben in den Keller fallen lies. Der Grossteil dieses Bodens wechselte in den Besitz einiger Kellereien. Um gewinnbringender arbeiten zu können kontrollierten diese fortan die gesamte Produktions- und Wertschöpfungskette. So wurde aus vielen Kleingrundbesitzern – innert einiger Jahre – wenige Grossgrundbesitzer.

Aber wer bearbeitet denn all diese Reben heute?

Auf den Webseiten der meisten dieser grossen Walliser Weinkellereien sieht es heute trotzdem weiter aus wie in der guten alten Zeit: Stolze Winzerfamilien, mit jahrzehntelanger Tradition, posieren in Polohemden und Hand anlegend im eigenen Rebberg. Wirklich schön!

Diese Bilder zeigen jedoch nur einen kleinen Bruchteil der heutigen Wahrheit. Denn Abseits der Social Media Plattformen und Broschüren – im Schatten der Glanzlichter sozusagen – arbeiten jene Protagonisten,

welche den Walliser Weinbau seit einigen Jahren wirklich am Leben erhalten.

Für Wundärland waren dies im Sommer 2021 unsere drei aus Nordmazedonien stammenden Hilfskräfte:

  • Natse Manolev (1970)
  • Petre Manolev (1990)
  • Nikola Manasov (1991)

Многу благодарам (Danke vielmals)

Sie leisteten einen grossartigen Job, dies liessen wir sie auch mehrfach wissen und unsere Dankbarkeit spüren!

Sie sind damit aber auch gleichzeitig Teil einer immer grösser werdenden Gruppe von Menschen, deren Existenz und Relevanz – nicht nur im Wallis – meist unter den Teppich gekehrt wird.

Aber wieso das denn?

Ich kann nur die Vermutung anstellen, dass man in der Walliser Weinbranche nicht eben stolz ist, auf die Aussenwirkung dieser Realität. Den Konsumenten wird weiter die nostalgisch heile Welt von früher vorgegaukelt: Die One-Winzer-Family Show.

Petre am Summärträffu

Bei uns lief es etwas gegen den Strom. Unsere Eltern entschieden sich entgegen dem allgemeinen Trend, ihr Lebenswerk nicht aufzugeben, hielten an ihren heute knapp 4 Hektaren fest. Sie aktualisierten regelmässig den Bestand und glauben auch weiter an eine Zukunft für Traubenproduzent*innen.

Dieser Entscheid hatte jedoch Konsequenzen für uns und zwingt uns zu Kompromissen.

Denn unsere Eltern sind zwar auch heute noch täglich im Rebberg aktiv, aber verfügen selbstredend nicht mehr über das gleiche Leistungspensum wie noch in jungen Jahren (Alice 1950 / Aldo 1954), also brauchen sie mehr Hilfe als früher. Gleichzeitig wollten weder mein Bruder Romeo, noch ich, alles auf die Karte Reben/Wein setzen. Wer seit Jahrzehnten diese Entwicklung von innen mitbeobachten musste, geht intuitiv lieber einen anderen Weg.

Heute haben wir in einem Grossteil unserer Rebflächen Spezialitäten-Sorten angepflanzt. Diese sind zwar anfälliger für Frost und Krankheiten und obendrauf noch arbeitsintensiver (Wuchs etc.), aber für diese Sorten besteht bei guter Traubenqualität weiterhin ein Markt mit höheren Margen. Beim Auftauchen neuer Schädlinge (Suzuki-Fliege 2015), Frost (2017), Trockenheit (2020) oder Krankheiten (Mehltau 2021) tragen wir jedoch das gesamte Risiko und die Ausfälle selber. Dann wird's zur Zitterpartie.

Der Hauptteil unseres Traubengutes verkaufen wir auch heute noch, im erwähnt angespannten Marktumfeld, an verschiedene Kellereien. Lediglich ca. 15% verarbeiten wir zu eigenem Wein.

Wieso wir für ebendiesen Wein verhältnismässig hohe Flaschenpreise verlangen, werde ich in einem künftigen Artikel detailliert aufzeigen. Beim Gang durch die Weinregale der Discounter frage ich mich jedoch manchmal schon, wie es möglich ist, bei den hiesigen Rahmenbedingungen derart günstige Weine anbieten zu können.

Nur damit wir uns richtig verstehen: Wir werden auch mit unserem eigenen Weinverkauf nicht reich, das war jedoch auch nie das Ziel. Wir haben dadurch eine zusätzliche Einnahmequelle, ein verringertes Klumpenrisiko und eine spannende Tätigkeit geschaffen. Der Direktverkauf ermöglicht uns, dass Ende Jahr idealerweise etwas mehr übrig bleibt, das reinvestiert werden kann.

Ohne die Jungs aus Nordmazedonien könnten wir die Reben jedoch nicht mehr alle weiter bearbeiten, wir müssten sie zu aktuell weiterhin tiefen Bodenpreisen verkaufen.

Ob und wann sich dieser Zustand je wieder ändern wird, bleibt abzuwarten.

Unser Ansatz

Natse, Petre und Nikola waren von Mitte April bis Mitte August im Wallis und werden für die Ernte nochmals zurückkehren. Sie arbeiten körperlich hart und leben weit weg von ihren Familien.

Gerade deshalb war es uns wichtig, dass wir ihnen zumindest einige kleine Annehmlichkeiten bieten können:

  • Sie kennen sich bereits aus der Heimat, Natse und Petre sind das zweite Jahr bei uns, es handelt sich um Vater und Sohn. Nikola wiederum ist Petres Schwager.
  • Petre war diesen Sommer der Vorarbeiter, sie arbeiteten unabhängig, bestimmten selbstständig ihre Prioritäten. Ihre Meinung hat Gewicht.
  • Durch ein von uns zur Verfügung gestelltes Auto, waren sie auch am Wochenende mobil und flexibel für Ausflüge in der Region und Besuche bei Verwandten.
  • Für den regelmässigen Kontakt mit der Heimat stellten wir ihnen je ein unlimitiertes Mobilfunkabo zur Verfügung.
  • Sie lebten in einem gemeinsamen Bungalow im Camping Bella Tola, wo sie über eine gewisse Infrastruktur verfügten (Wi-Fi, Waschmaschinen, Grill etc.) und den Sommer über auch das Schwimmbad mitbenutzen konnten.
Bungalow
Bungalow in Susten

Der Elefant im Raum

Auch beim Lohn legen wir die Karten auf den Tisch, denn wer weiss schon, was ein solcher Hilfsarbeiter monatlich verdient. Wir tun dies anhand eines Lohnblattes von Petre:

Wir sind damit zwar über dem branchenüblichen Lohn (nicht qualifizierte Arbeitnehmer mit einem Arbeitsvertrag: ab dem zwölften Tätigkeitsmonat in der Landwirtschaft), heben diesen aber trotzdem jährlich an (werde den Beweis nächstes Jahr antreten).

Nikola am Summärträffu

Verschiedene Blickwinkel

Und hier kommt genau die Ambivalenz zum Tragen.
Bei den meisten externen Beobachtern und auch bei mir sorgt es spontan für ein zwiespältiges Gefühl, Menschen während Monaten fernab ihrer Familie für uns hart arbeiten zu lassen. Sie tun dies durchschnittlich knapp 12 Stunden täglich, während 5.5 Tagen die Woche und dafür verdienen sie Netto CHF 14.83/Stunde.

Die ausländischen Hilfsarbeiter sehen es aber etwas anders. Ich habe mehrfach mit Petre darüber gesprochen, der sehr dankbar und glücklich mit seiner Arbeit und den Bedingungen bei uns ist, er ist gerne hier. Er sagte mir letzthin, dass seine Frau und die beiden Kinder froh seien, dass er dafür den Rest des Jahres daheim sei. Vor allem aber auch, dass er mit dem Lohn aus einigen Monaten Arbeit in der Schweiz, letztes Jahr in Nordmazedonien ein Haus für die Familie bauen konnte und deshalb sogar lieber noch einige Wochen länger bei uns arbeiten würde.

Es ist wie so oft im Leben, die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen und ich will keine Schönfärberei betreiben, jeder soll sich selber seine Meinung bilden und kann die gerne unten in der Kommentarfunktion mit uns teilen.

In dem Sinne, Griäss gehnt raus üsum Wii-Wundärland!

Euer Sandro


1 Antwort

dani aregger
dani aregger

23 September 2021

merci für diese transparenz, merci, dass ihr uns an euren ideen und gedanken teilhaben last und auch schwierige themen ins licht bringt. merci, das ihr das so seht und lebt; das ist gelebte verantwortung und haltung und einfach lässig und der richtige weg.
merci ans ganze team, daumendrücken für eine gute ernte und noch bessere neue weine. ich freu mich schon auf die lieferung und auf news aus dem wundärland.
häbets güet
dani

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