01 März 2022

Sali zämu

Ich bin immer wieder hin und her gerissen. Sollten wir vielleicht doch noch mehr verschiedene Weine anbieten? Oder ist die jährliche Begrenzung auf 4-5 Weine womöglich sogar genial?

Ist weniger wirklich mehr, oder ist doch mehr mehr?

Less is more! Das klingt zwar sympathisch und passt irgendwie zum heutigen Zeitgeist. Ich könnte nun also behaupten, der Ansatz sei von langer Hand geplant gewesen und im Interesse der Gesellschaft. Das wäre aber eine glatte Lüge!

Der Grund ist rein egoistischer Natur. Ich bin ein schlichtes Gemüt, kaufe gerne in Dorfläden ein und mag es übersichtlich. Stöbere nicht stundenlang in Kleidergeschäften oder scrolle durch Online-Shops.

Auch kulinarisch mag ich die einfachen Dinge: Brot und Käse oder Spaghetti al Pomodoro. Ich nehme im Restaurant meist die Empfehlung des Chefs oder das Tagesmenü. Analog tue ich es bei der Weinbegleitung, die Entscheidung wird delegiert, ich verlasse mich auf das Servicepersonal.

Mir graut vor Restaurants die mit der «GRÖSSTEN Glacékarte der Schweiz» oder «über 100 verschiedene Pizzas» für sich werben. Die meisten dieser Pizzas tragen noch dazu Namen von Sportlern, die ich sowieso nicht mag. Wieso etwa auf der Pizza Federer Feigen, Parma-Schinken und Crème Fraîche drauf sein müssen, I don't get it.

Da halte ich es schon eher mit Daniel Bumann, unserem Lokalhelden und Restauranttester, der seinen Gastronomen auf Abwegen auch immer erst zu einer Verkleinerung der Karte rät. Bevor er sie dann schliesslich trotzdem mit wehenden Fahnen und frischer Tischdekoration in die Insolvenz schickt.

Vil z'grossi Chartu!

Die Begrenzung unserer Anzahl Weine hat aber auch ganz konkret mit traumatischen Erfahrungen als Teilnehmer an Weinproben zu tun. Ein jeweils perfekt orchestriertes Schauspiel, mit toll geschriebenen Rollen und einer Handlung, die weltweit ziemlich ähnlich zu sein scheint:

Akt 1: Der mehr oder weniger motivierte Weinverkäufer trifft auf seine Opfer. Er begrüsst die Gäste in Dialekt, stellt sich kurz vor, platziert die Paare an Tische und beschreibt mit Superlativen die unglaublichen Vorzüge des aktuellen Jahrgangs.

Akt 2: Nun geht es richtig los. Der erste Wein wird eingeschenkt. Die Gäste sind fokussiert, prüfen Farbe, Nase und Abgang. Sie nicken zustimmend und lauschen den Ausführungen ganz andächtig!

Akt 3: Die Kadenz steigt, es wird fleissig nachgelegt. Unzählige Gläser stehen mittlerweile vor den Probanden. Der Überblick ging schon vor mehr als 10 Minuten verschütt. Auf jeweils zwei Personen kommen inzwischen mindestens 15 verschiedene Favoriten und nochmals doppelt so viele Meinungen. Spätestens beim neunten Weisswein, einem Viognier, oder wars doch ein Chardonnay, ich glaube ja, es war ein Sauvignon Blanc... ist die Verwirrung nun endlich komplett.

Akt 4: Alles ist angerichtet für den Wendepunkt dieses klassischen Dramas. Der Verkäufer verteilt die Bestellscheine: A4, 3% Skonto, zahllose Linien und urplötzlich knistert es ganz Laut im Raum! Denn nun soll tatsächlich aus den zuvor probierten 40 Weinen eine für alle stimmige Auswahl getroffen werden. Mission Impossible: Das ist wie Kapitalismus und Kommunismus, Mac und PC, CC und Fringer, Yakin und Le Nouvelliste etc. schlicht nicht kompatibel. Es entstehen abenteuerliche Theorien, um Favoriten zu pushen. Die besonders mineralischen Aromen und das dezente Bukett werden gegeneinander ausgespielt. Es wird munter beleidigt, erste Handgreiflichkeiten. Die Weinwahl ist ein wichtiger Scheidungsgrund mit hoher Dunkelziffer.

Akt 5: Plötzlich geht's schnell; der Moment der letzten Spannung. Einer der beiden gibt beleidigt nach. Die Lieferung wird koordiniert, die Kreditkarte gezückt, alle bedanken sich für dieses einmalige Erlebnis und die Heimreise wird stillschweigend angetreten. Spätestens im Auto weiss niemand mehr, was für Weine schliesslich bestellt wurden und bei der Lieferung ist die Überraschung dann gross, dass der Sauvignon Blanc nicht mitbestellt wurde. Denn der war doch mit Abstand der Beste!

Da bärchumi Vägil!

Da bin ich raus. Wie gesagt, ich mag's einfach. So bevorzuge ich etwa Autos von Marken deren überschaubare Anzahl Modelle Fantasienamen wie Twingo tragen. Ich kann diesem Mix aus Zahlen und Buchstaben nichts abgewinnen, was bitte ist ein GLB EQB 250 4Matic AMG?

Versteht mich nicht falsch, auch wir hätten die Möglichkeit, eine grössere Produktpalette anzubieten. Wir haben 16 verschiedene Traubensorten an unterschiedlichsten Lagen angepflanzt (das war auch nicht unbedingt meine Idee). Aber ein gewisser Fokus war für mich hier zentral.

Unser Ansatz ist deshalb ziemlich einfach, wir machen Weine für gewisse Momente. 

Etwa um mit Freunden anzustossen oder passend zu einem Nachtessen. Manche sind süsser, manche säurehaltiger. Ein easy-drink oder einer mit heftigen Tanninen. Und für wen da nichts Passendes dabei ist oder wer Lust auf eine grössere Auswahl hat, der findet bestimmt eine Alternative.

In dem Sinne, Griäss gehnt raus üsum Wii-Wundärland!

Euer Sandro


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